»Alles Bach, oder was?«, fragten wir in unserer letzten Ausgabe. >Nein, nicht alles, aber fast alles<, wird die Bach-Phalanx dröhnen. Doch glücklicherweise gibt es genügend Menschen, die sich von dem Gedröhn nicht beirren lassen und ihr Ohr immer wieder auch für all die Zwischen- und leiseren Töne schärfen, deren Zusammenklang erst die Musikstadt Leipzig ausmachen. Zu diesen Menschen gehört Thomas Fritzsch, 44, freiberuflicher Gambist und Spezialist für Musik des 17. und 18. Jahrhunderts. Schon vor längerer Zeit stieß der Absolvent der Leipziger Musikhochschule auf das Leipziger Liederbuch »Singende Muse an der Pleiße«, dessen Erstausgabe 1736 - also mitten in Bachs Leipziger Zeit - erschien und zu einem solchen »Bestseller« wurde, dass mehrere Auflagen und Fortsetzungen folgten.
Herausgeber der Sammlung war laut Titelblatt ein Herr Sperontes. Hinter dem Pseudonym verbarg sich ein Leipziger Jurist, Dichter und Musikliebhaber namens J. S. - nein, nicht Bach, sondern Scholze: Johann Sigismund Scholze. Dessen 300. Geburtstag am 20. März 2005 hat man in der Bach-seligen Pleißestadt ebenso wenig Beachtung zuteil werden lassen wie vor fünf Jahren seinem 250. Todestag am 28. September. Ja, er ist tatsächlich im selben Jahr wie Bach und genau zwei Monate nach diesem gestorben!
Höchste Zeit, sich seiner wieder zu erinnern. Schließlich hat sein Liederbuch, nachdem über ein halbes Jahrhundert lang kein vergleichbares Werk mehr erschienen war, zu einer Renaissance des Genres gerührt und es damit gleichsam vor dem Aussterben bewahrt. Denn zwischenzeitlich drohte es von den stark in Mode gekommenen Arien aus Opern und Kantaten völlig verdrängt zu werden.
Leipzig sang! In studentischen und in bürgerlichen Kreisen, in Kneipen und in Musiksalons wurden fortan die von Scholze auf Melodien zeitgenössischer Komponisten gedichteten Lieder gesungen. Und unter diesen Melodien finden sich, wie könnte es anders sein, auch welche von Johann Sebastian Bach. Thomas Fritzsch geht sogar so weit, aus diversen Indizien in Texten und Melodien der »Singenden Muse« wie auch mindestens einer Querverbindung zu Bachs berühmtem »Notenbüchlein« für seine Frau Anna Magdalena zu schließen, dass der Thomaskantor und der 20 Jahre jüngere Scholze sich nicht nur flüchtig gekannt haben müssen.
Seit zwei Jahren arbeitet Fritzsch nun zielstrebig auf eine Aufführung und CD-Einspielung der Lieder hin. Gemeinsam mit dem Cembalisten Ludger Rémy trifft er die Auswahl der Lieder und entwickelt mit ihm abwechslungsreiche Besetzungen mit verschiedenen Tasten und Streichinstrumenten, Gitarren und Lauten sowie zwei Singstimmen. »Die Aufführung dieser Werke darf nicht übermäßig verwissenschaftlicht werden, damit ihre Lebendigkeit erhalten bleibt«, erklärt Fritzsch. Wenn sie gemäß allen heute verfügbaren aufführungspraktischen Erkenntnissen musiziert würden, dann vermittelten sie viel vom damaligen Lebensgefühl.
Also sich fühlen wie ein Leipziger zur Bach-Zeit? Die Probe aufs Exempel kann am 9. August 2005 gemacht werden. Dann präsentieren Martin Petzold und Ulrike Staude (Gesang), Ulrich Wedemeier (Lauten und Gitarre), Simon Standage (Violine), Ludger Rémy und Thomas Fritzsch Lieder aus Sperontes' »Singender Muse«. Und zwar im Bundesverwaltungsgericht, also ganz in Pleißennähe!
Dirk Steiner
© Gewandhausmagazin Nr. 47, Sommer 2005
Lauter laute Lieder zur Laute
Der Ärger hat Tradition. In Pfarrer Wolffs Revier rund um die
Thomaskirche wurde schon im 18. Jahrhundert das "schändliche
Sauffen, Tumultiren und Schreyen derer Studiosorum" beklagt. Vor
allem die "Schausereyen und Bacchanalien" wurden beargwöhnt,
zumal aus den Türen "Schand-Lieder nach der Geistlichen Lieder
Melodeyen" drangen. Auf der anderen Seite waren Kaffeehäuser
und -gärten bevorzugte Auftrittsorte der ebenfalls studentischen
Collegia musica.
Dass beide Seiten der Medaille nur gemeinsam glänzten, belegt die
Liedersammlung "Singende Muse an der Pleiße", vom Jura-Studenten
Johann Sigismund Scholze zusammengetragen und 1736 unter dem
Pseudonym Sperontes in Leipzig veröffentlicht. Die Sangeslust hat
nachgelassen. Darum sollen in einem "Dokumentations- und
Konzertprojekt" die lockeren Lieder "auf Kosten der lustigen
Gesellschaft" wieder zu hören sein.
Im Sitzungssaal des Bundesverwaltungsgerichts wird heute die
Wiege der Leipziger Orchesterkultur zum Schaukeln gebrach - mit
Sopranistin Ulrike Staude und Tenor Martin Petzold. Ulrich
Wedemeyer (Lauten und Gitarren), Thomas Fritzsch (Cello, Viola da
Gamba, Basse de Violon), Ludger Rémy (Cembalo, Orgel, Fortepiano)
und Simon Standage (Violine) begleiten diese konzertante
Uraufführung auf historischen Instrumenten. Die Lieder besingen
die Liebe, den Wein, die Jahreszeiten, den Fischfang oder das
Junggesellentum und scheuen auch nicht galante Schäferpoesie.
Das "Sauffen, Schreyen und Tumultiren" soll sich aber in Grenzen
halten.
-nina
© Leipziger Volkszeitung, Dienstag, 9. August 2005
Der Keim des Kunstlieds
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kommen Studenten nach Leipzig und
singen in Kaffeehäusern bis tief in die Nacht hinein. Dabei
entsteht die Liedersammlung "Singende Muse an der Pleiße",
herausgegeben von Johann Sigismund Scholze unter dem Pseudonym
Sperontes.
Um die Jahrhundertmitte erfreuen sich seine studentischen Lieder
großer Beliebtheit. Sie beschreiben das ausgelassene Leipziger
Lebensgefühl, kreisen um Liebe und Wein, um Jagd und Natur, um
die Segnungen des Junggesellenlebens und Lebenslust ganz
allgemein. Ein riesiger Fundus origineller Texte und hinreißender
Melodien. Und eigentlich der Keim dessen, was später als
deutsches Kunstlied in die Musikgeschichte eingehen sollte.
Tenor Martin Petzold und Sopranistin Ulrike Staude haben sich mit
Großmeister Simon Standage an der Violine, Ulrich Wedemeier mit
Lauten und Gitarren, Ludger Rémy an Cembalo und Fortepiano und
Thomas Fritzsch an der Gambe an dieser Sammlung gerieben und
einen Querschnitt erarbeitet, der alle Nuancen dieser verspielten
Liedkunst für den Hausgebrauch spiegelt.
Aufführungsort am Dienstagabend: der große Saal des
Bundesverwaltungsgerichts. Das passt. Er liegt direkt an der
Pleiße, und zwischen den holzverkleideten Wänden füllt die Musik
auch atmosphärisch den Raum. Die mit sicherem Stilempfinden
bedienten historischen Continuo-Instrumente sorgen für klangliche
Abwechslung und für den Rest der komödiantisch begabte,
inhaltlich seine Bögen spannende Petzold und die innig ungezierte
Staude.
Die Aufführung ist ausverkauft, der Jubel erheblich. Und darum
wird es im nächsten Jahr weitere Aufführungen geben.
Ilse Hagerer
© Leipziger Volkszeitung, Donnerstag, 11. August 2005


