Verfahrensinformation

Der beklagte Landkreis wendet sich im Revisionsverfahren gegen die Aufhebung der Feststellung des Verlustes des unionsrechtlichen Rechts der Klägerinnen auf Einreise und Aufenthalt für den Zeitraum vom 18. Juni 2013 bis zum 25. August 2013 durch das Oberverwaltungsgericht; diese Feststellung hatte der Beklagte verfügt, weil die Klägerin zu 1 weder eine Erwerbstätigkeit noch eine Arbeitsplatzsuche nachgewiesen habe.


Die Klägerinnen sind polnische Staatsangehörige, die im Februar 2009 in das Bundesgebiet eingereist sind. Die im Jahr 1968 geborene Klägerin zu 1 ist die Mutter der in den Jahren 2004 und 1998 geborenen Klägerinnen zu 2 und 3. Diese besuchten im Sommer 2013 allgemeinbildende Schulen in Görlitz.


Das Verwaltungsgericht hat die gegen die Verlustfeststellung gerichtete Klage abgewiesen. Auf die Berufung der Klägerinnen hat das Oberverwaltungsgericht das Urteil des Verwaltungsgerichts geändert und die angefochtene Verlustfeststellung aufgehoben. Die Klägerinnen zu 2 und 3 seien - unabhängig von den Voraussetzungen des Freizügigkeitsgesetzes/EU - als Kinder einer Wanderarbeitnehmerin gemäß Art. 10 Abs. 1 VO (EU) Nr. 492/2011 freizügigkeitsberechtigt gewesen. Nach dieser Vorschrift können die Kinder eines Staatsangehörigen eines Mitgliedstaats, der im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats beschäftigt ist oder beschäftigt gewesen ist, wenn sie im Hoheitsgebiet dieses Mitgliedstaats wohnen, unter den gleichen Bedingungen wie die Staatsangehörigen dieses Mitgliedstaats am allgemeinen Unterricht sowie an der Lehrlings- und Berufsausbildung teilnehmen. Die Norm gewähre überdies dem die Personensorge wahrnehmenden Elternteil dieser Kinder ein abgeleitetes Aufenthaltsrecht zum Zwecke der Wahrnehmung der Personensorge. Das Aufenthaltsrecht setze nicht voraus, dass der sorgeberechtigte Elternteil oder die beschulten Kinder über ausreichende Existenzmittel und einen umfassenden Krankenversicherungsschutz verfügten. Es bestehe auch dann, wenn der Besuch der Schule im Aufnahmemitgliedstaat auf Grund der Grenznähe von dem Herkunftsmitgliedstaat aus zumutbar wäre.


Mit der von dem Oberverwaltungsgericht zugelassenen Revision macht der Beklagte insbesondere geltend, ein (abgeleitetes) Aufenthaltsrecht gemäß Art. 10 Abs. 1 VO (EU) Nr. 492/2011 sei gerade nicht mit einer materiellen Freizügigkeitsberechtigung nach dem Freizügigkeitsgesetz/EU oder der sog. Unionsbürger- bzw. Freizügigkeitsrichtlinie (RL 2004/38/EG) gleichzusetzen.


Pressemitteilung Nr. 61/2019 vom 11.09.2019

Keine Verlustfeststellung nach § 5 Abs. 4 FreizügG/EU bei Bestehen eines Aufenthaltsrechts nach Art. 10 VO (EU) 492/2011

Art. 10 VO (EU) 492/2011 (ArbeitnehmerfreizügigkeitsVO) vermittelt Kindern, die in Deutschland die Schule besuchen, und ihren Eltern ein Freizügigkeitsrecht i.S.d. § 2 Abs. 1 Freizügigkeitsgesetz/EU (FreizügG/EU), das einer Verlustfeststellung nach § 5 Abs. 4 FreizügG/EU entgegensteht. Dies hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig heute entschieden.


Die Klägerin zu 1 und ihre beiden Töchter, die Klägerinnen zu 2 und 3, sind polnische Staatsangehörige. Sie reisten im Februar 2009 in das Bundesgebiet ein. Von Ende Mai 2012 bis Ende März 2013 ging die Klägerin zu 1 einer Beschäftigung nach. In der Folge wurden ihr und ihren Kindern, die staatliche Schulen im Bundesgebiet besuchten, Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts bewilligt. Im Juni 2013 stellte die beklagte Ausländerbehörde den Verlust des Rechts der Klägerinnen auf Einreise und Aufenthalt in der Bundesrepublik Deutschland fest. Nach Aufnahme einer Beschäftigung im August 2013 wurde an der Verlustfeststellung nur noch für den Zeitraum von Juni bis August 2013 festgehalten. Das Verwaltungsgericht hat die hiergegen erhobene Klage abgewiesen. Auf die Berufung der Klägerinnen hat das Oberverwaltungsgericht die Verlustfeststellung auch insoweit aufgehoben. Die Klägerinnen zu 2 und 3 seien als Kinder einer Wanderarbeitnehmerin auch in dem streitigen Zeitraum freizügigkeitsberechtigt gewesen. Der Klägerin zu 1 habe als für ihre Kinder sorgendem Elternteil ein von diesem Aufenthaltsrecht ihrer Töchter abgeleitetes Aufenthaltsrecht zugestanden.


Der 1. Revisionssenat des Bundesverwaltungsgerichts hat die Entscheidung des Berufungsgerichts im Ergebnis mit einer alternativen Begründung bestätigt:


Wird davon ausgegangen, dass die Verlustfeststellung nach § 5 Abs. 4 Satz 1 FreizügG/EU nicht in einzelne Zeitabschnitte teilbar ist, kann sie grundsätzlich insgesamt keinen Bestand mehr haben, wenn der betroffene Unionsbürger oder sein Familienangehöriger im Verlauf des Verfahrens (neuerlich) freizügigkeitsberechtigt wird und die Behörde die Verlustfeststellung nur noch für einen in der Vergangenheit liegenden Zeitraum aufrechterhält.


Wird hingegen von einer zeitlichen Teilbarkeit der Verlustfeststellung und damit einer zeitabschnittsweisen Betrachtung ausgegangen, war die verbliebene Verlustfeststellung ebenfalls rechtswidrig. Denn die Klägerinnen waren auch seinerzeit freizügigkeitsberechtigt i.S.d. FreizügG/EU. Gemäß Art. 10 VO (EU) Nr. 492/2011 können die Kinder eines Staatsangehörigen eines Mitgliedstaats, der im Hoheitsgebiet eines anderen Mitgliedstaats beschäftigt ist oder beschäftigt gewesen ist, wenn sie im Hoheitsgebiet dieses Mitgliedstaats wohnen, unter den gleichen Bedingungen wie die Staatsangehörigen dieses Mitgliedstaats am allgemeinen Unterricht sowie an der Lehrlings- und Berufsausbildung teilnehmen. Dies vermittelt ihnen und - hiervon abgeleitet - auch ihren tatsächlich die Personensorge ausübenden Eltern ein Aufenthaltsrecht. Aufenthaltszeiten, die allein auf der Grundlage des Art. 10 VO (EU) Nr. 492/2011 zurückgelegt wurden, ohne dass die für die Inanspruchnahme eines Aufenthaltsrechts nach der sogenannten Unionsbürger-Richtlinie (RL 2004/38/EG) vorgesehenen Voraussetzungen erfüllt waren, können zwar nicht für die Zwecke eines Daueraufenthaltsrechts i.S.d. § 4a FreizügG/EU berücksichtigt werden. Jedoch vermitteln sie den Kindern eines Wanderarbeitnehmers und dem Elternteil, der die tatsächliche Sorge für diese ausübt, Freizügigkeit im Sinne des § 2 Abs. 1 FreizügG/EU in dem Aufnahmemitgliedstaat des (vormaligen) Wanderarbeitnehmers, so dass eine Verlustfeststellung nach § 5 Abs. 4 Satz 1 FreizügG/EU ausscheidet.


BVerwG 1 C 48.18 - Urteil vom 11. September 2019

Vorinstanzen:

OVG Bautzen, 3 A 736/16 - Urteil vom 25. Oktober 2018 -

VG Dresden, 3 K 3320/14 - Urteil vom 18. August 2016 -