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Verfahrensinformation

Der Kläger zu 1. ist 1982 in Brasilien ehelich geboren und der Vater der 2011 ebendort (nichtehelich) geborenen Klägerin zu 2; beide sind Nachfahren eines 1853 nach Brasilien ausgewanderten Deutschen. Sie begehren die Feststellung, dass sie deutsche Staatsangehörige sind.


Das Oberverwaltungsgericht hat der erstinstanzlich erfolglosen Klage stattgegeben. Der Kläger zu 1. habe die deutsche Staatsangehörigkeit am 4. April 2015 nach § 3 Abs. 2 Sätze 1 und 4 StAG dadurch erworben, dass das Bundesverwaltungsamt und das Generalkonsulat São Paulo seinen Vater wegen dessen Abstammung seit dem 3. April 2003 als deutschen Staatsangehörigen behandelt hätten. Durch diese zwölfjährige Behandlung als deutscher Staatsangehöriger sei der Vater des Klägers zu 1., der zuvor ausschließlich brasilianischer Staatsangehöriger gewesen sei, deutscher Staatsangehöriger geworden, und zwar gemäß § 3 Abs. 2 Satz 3 StAG mit Rückwirkung auf den irrig angenommenen Erwerbszeitpunkt seiner Geburt im Jahr 1947. Die Behandlung des Vaters als deutscher Staatsangehöriger sei nicht dadurch beendet worden, dass das Generalkonsulat São Paulo 2015 dem Kläger zu 1. kurz vor Ablauf des Zwölfjahreszeitraums den ausschließlich an die beiden Kläger gerichteten streitgegenständlichen Bescheid habe bekanntgeben lassen, mit dem es diesen gegenüber das Nichtbestehen der deutschen Staatsangehörigkeit festgestellt habe. Der Vater des Klägers zu 1. habe die Behandlung als deutscher Staatsangehöriger von 2003 bis 2015 auch nicht zu vertreten. Der rückwirkende Staatsangehörigkeitserwerb des Vaters des Klägers zu 1. erstrecke sich nach § 3 Abs. 2 Satz 4 StAG kraft Gesetzes auf die beiden Kläger als dessen Abkömmlinge. Dieser gesetzliche Erstreckungserwerb setze nicht voraus, dass auch der Abkömmling seinerseits eine Behandlung als deutscher Staatsangehöriger nicht zu vertreten habe. Er trete zudem unabhängig davon ein, ob der Kläger zu 1. in der Zeit bis April 2015 - etwa durch Militärdienstleistung in Brasilien von 2000 bis 2001 - Verlusttatbestände verwirklicht habe.


Gegen das Urteil wendet sich die Beklagte mit der Revision.


Pressemitteilung Nr. 20/2021 vom 30.03.2021

Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch langjährige Behandlung als Deutscher und Erstreckung auf Abkömmlinge

Die "Ersitzung" der deutschen Staatsangehörigkeit durch eine mindestens zwölfjährige Behandlung als Deutscher seitens deutscher Behörden, die der Betroffene nicht zu vertreten hat, erstreckt sich auf dessen Abkömmlinge unabhängig davon, ob diese selbst "gutgläubig" sind. Das hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig heute entschieden.


Der 1982 in Brasilien geborene Kläger zu 1. und seine 2011 ebendort geborene Tochter, die Klägerin zu 2., sind Nachfahren eines 1853 nach Brasilien ausgewanderten "preußischen Untertanen". Sie begehren die Verpflichtung der Beklagten festzustellen, dass sie deutsche Staatsangehörige sind. Das Oberverwaltungsgericht hat der erstinstanzlich erfolglosen Klage stattgegeben. Der Vater des Klägers, der zuvor ausschließlich brasilianischer Staatsangehöriger gewesen sei, habe die deutsche Staatsangehörigkeit zwar nicht durch Abstammung, wohl aber im April 2015 nach § 3 Abs. 2 StAG dadurch erworben, dass deutsche Stellen ihn seit April 2003 irrtümlich als deutschen Staatsangehörigen behandelt hätten. Das Bundesverwaltungsamt habe ihm im April 2003 einen Staatsangehörigkeitsausweis mit einer Gültigkeit von zehn Jahren ausgestellt; im August 2014 sei ihm durch das Generalkonsulat São Paulo ein ebenfalls zehn Jahre gültiger Reisepass ausgestellt worden. Der Staatsangehörigkeitserwerb des Vaters des Klägers, der die Behandlung als deutscher Staatsangehöriger nicht zu vertreten habe, wirke auf den Zeitpunkt von dessen Geburt im Jahre 1947 zurück. Er erstrecke sich nach § 3 Abs. 2 Satz 4 StAG kraft Gesetzes auf die beiden Kläger als dessen Abkömmlinge; auf ein etwaiges Vertretenmüssen in der Person des Klägers komme es nicht an.


Das Bundesverwaltungsgericht hat die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts bestätigt. Der Vater des Klägers hat die deutsche Staatsangehörigkeit durch "Ersitzung" rückwirkend auf den Zeitpunkt seiner Geburt erworben. Der dafür erforderlichen durchgängigen Behandlung als deutscher Staatsangehöriger "seit zwölf Jahren" steht nicht entgegen, dass der ihm erteilte Staatsangehörigkeitsausweis im April 2013 seine Gültigkeit verloren hat und ihm erst im August 2014 ein Reisepass ausgestellt worden ist. In der zeitlichen Lücke liegt hier keine anspruchsschädliche Unterbrechung. Der Vater des Klägers hat seine rechtsirrtümliche Behandlung als Deutscher nicht zu vertreten. Ebenso wenig wie seine Behandlung als Deutscher ist sein Nichtvertretenmüssen insbesondere dadurch entfallen, dass das Generalkonsulat São Paulo 2015 dem Kläger kurz vor Ablauf des Zwölfjahreszeitraums den ausschließlich an die beiden Kläger gerichteten streitgegenständlichen Bescheid hat bekanntgeben lassen, mit dem es diesen gegenüber das Nichtbestehen der deutschen Staatsangehörigkeit festgestellt hat. Eine Kenntnis auch des Vaters des Klägers von diesem Vorgang vor Ablauf des Zwölfjahreszeitraums hat das Oberverwaltungsgericht gerade nicht festgestellt. Des Vaters rückwirkender Staatsangehörigkeitserwerb erstreckt sich kraft Gesetzes auf die Kläger als Abkömmlinge, die seither ihre Staatsangehörigkeit von ihm ableiten. Der Erstreckungserwerb setzt entgegen der Auffassung der Beklagten nicht voraus, dass auch der Abkömmling seinerseits eine Behandlung als deutscher Staatsangehöriger nicht zu vertreten haben darf bzw. "gutgläubig" gewesen sein muss. Er ist zudem unabhängig davon eingetreten, ob der Kläger in der Zeit bis April 2015 - etwa durch einen freiwilligen Eintritt in fremde Streitkräfte - einen Verlusttatbestand verwirklicht hat.


BVerwG 1 C 28.20 - Urteil vom 30. März 2021

Vorinstanzen:

OVG Münster, 19 A 169/19 - Beschluss vom 24. März 2020 -

VG Köln, 10 K 11698/16 - Beschluss vom 21. November 2018 -