Verfahrensinformation

Zumutbarkeit der Passbeschaffung bei subsidiär schutzberechtigtem Ausländer


Der 1985 geborene Kläger begehrt die Ausstellung eines Reiseausweises für Ausländer. Er ist eritreischer Staatsangehöriger, erhielt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge subsidiären Schutz und ist seit Oktober 2015 im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 2 AufenthG. Seinen Antrag auf Ausstellung eines Reiseausweises für Ausländer lehnte die zuständige Ausländerbehörde im April 2019 ab, weil es dem Kläger zuzumuten sei, bei der Botschaft Eritreas einen Passantrag zu stellen.


Die darauf erhobene Verpflichtungsklage hatte in erster Instanz Erfolg. Auf die Berufung der Beklagten hat das Oberverwaltungsgericht das Urteil des Verwaltungsgerichts geändert und die Klage abgewiesen. Das Oberverwaltungsgericht hat ausgeführt, die Voraussetzungen für die Ausstellung eines Reiseausweises seien nicht erfüllt. Anders als Flüchtlingen sei es subsidiär Schutzberechtigten grundsätzlich zumutbar, sich bei der Auslandsvertretung ihres Herkunftsstaates um die Ausstellung eines Nationalpasses zu bemühen. Eine Unzumutbarkeit i.S.d. § 5 Abs. 1 Aufenthaltsverordnung (AufenthV) bestehe daher auch dann, wenn der drohende ernsthafte Schaden von staatlichen Behörden ausgehe, nur bei Hinzutreten weiterer, hier nicht vorliegender Umstände, wie etwa der begründeten Furcht vor einer Gefährdung der im Heimatland lebenden Verwandten. Bemühungen um die Ausstellung eines eritreischen Nationalpasses seien dem Kläger hier nicht deshalb unzumutbar, weil in diesem Zusammenhang eine "Aufbau-" bzw. "Diasporasteuer" von 2% zu entrichten sei. Zumutbar sei auch die vom eritreischen Konsulat verlangte Abgabe einer "Reueerklärung", in der der Erklärende bedauere, seiner "nationalen Pflicht" nicht nachgekommen zu sein, und erkläre, eine eventuell dafür verhängte Strafe zu akzeptieren. Die Abgabe der Reueerklärung und Entgegennahme eines eritreischen Passes hätten schließlich auch nicht den Widerruf des subsidiären Schutzstatus zur Folge.


Gegen das Urteil wendet sich der Kläger mit der Revision, die das Berufungsgericht wegen grundsätzlicher Bedeutung der Frage zugelassen hat, inwieweit die zur Zuerkennung des subsidiären Schutzstatus führenden Umstände bei der Bewertung der Zumutbarkeit i.S.d. § 5 Abs. 1 und 2 AufenthV zu berücksichtigen sind.


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Zumutbarkeit der Passbeschaffung bei subsidiär schutzberechtigtem Ausländer


Der 1985 geborene Kläger begehrt die Ausstellung eines Reiseausweises für Ausländer. Er ist eritreischer Staatsangehöriger, erhielt vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge subsidiären Schutz und ist seit Oktober 2015 im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis nach § 25 Abs. 2 AufenthG. Seinen Antrag auf Ausstellung eines Reiseausweises für Ausländer lehnte die zuständige Ausländerbehörde im April 2019 ab, weil es dem Kläger zuzumuten sei, bei der Botschaft Eritreas einen Passantrag zu stellen.


Die darauf erhobene Verpflichtungsklage hatte in erster Instanz Erfolg. Auf die Berufung der Beklagten hat das Oberverwaltungsgericht das Urteil des Verwaltungsgerichts geändert und die Klage abgewiesen. Das Oberverwaltungsgericht hat ausgeführt, die Voraussetzungen für die Ausstellung eines Reiseausweises seien nicht erfüllt. Anders als Flüchtlingen sei es subsidiär Schutzberechtigten grundsätzlich zumutbar, sich bei der Auslandsvertretung ihres Herkunftsstaates um die Ausstellung eines Nationalpasses zu bemühen. Eine Unzumutbarkeit i.S.d. § 5 Abs. 1 Aufenthaltsverordnung (AufenthV) bestehe daher auch dann, wenn der drohende ernsthafte Schaden von staatlichen Behörden ausgehe, nur bei Hinzutreten weiterer, hier nicht vorliegender Umstände, wie etwa der begründeten Furcht vor einer Gefährdung der im Heimatland lebenden Verwandten. Bemühungen um die Ausstellung eines eritreischen Nationalpasses seien dem Kläger hier nicht deshalb unzumutbar, weil in diesem Zusammenhang eine "Aufbau-" bzw. "Diasporasteuer" von 2 % zu entrichten sei. Zumutbar sei auch die vom eritreischen Konsulat verlangte Abgabe einer "Reueerklärung", in der der Erklärende bedauere, seiner "nationalen Pflicht" nicht nachgekommen zu sein, und erkläre, eine eventuell dafür verhängte Strafe zu akzeptieren. Die Abgabe der Reueerklärung und Entgegennahme eines eritreischen Passes hätten schließlich auch nicht den Widerruf des subsidiären Schutzstatus zur Folge.


Gegen das Urteil wendet sich der Kläger mit der Revision, die das Berufungsgericht wegen grundsätzlicher Bedeutung der Frage zugelassen hat, inwieweit die zur Zuerkennung des subsidiären Schutzstatus führenden Umstände bei der Bewertung der Zumutbarkeit i.S.d. § 5 Abs. 1 und 2 AufenthV zu berücksichtigen sind.


Pressemitteilung Nr. 62/2022 vom 11.10.2022

Unzumutbarkeit der Passbeschaffung bei Erfordernis einer "Reueerklärung"

Einem subsidiär schutzberechtigten Ausländer darf die Ausstellung eines Reiseausweises für Ausländer nicht mit der Begründung verweigert werden, er könne einen Pass seines Herkunftsstaates auf zumutbare Weise erlangen, wenn der Herkunftsstaat die Ausstellung eines Passes an die Unterzeichnung einer "Reueerklärung" knüpft, die mit der Selbstbezichtigung einer Straftat verbunden ist, und der Ausländer plausibel darlegt, dass er die Erklärung nicht abgeben will. Das hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig heute entschieden.


Der Kläger ist eritreischer Staatsangehöriger. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gewährte ihm subsidiären Schutz, weil ihm aufgrund seiner illegalen Ausreise aus Eritrea bei einer Rückkehr eine Inhaftierung drohe, die mit Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung verbunden sei. Die Ausländerbehörde lehnte seinen Antrag auf Ausstellung eines Reiseausweises für Ausländer ab, weil es dem Kläger zuzumuten sei, bei der Botschaft Eritreas einen Passantrag zu stellen. Die darauf erhobene Verpflichtungsklage hatte in erster Instanz Erfolg. Auf die Berufung des Beklagten hat das Oberverwaltungsgericht die Klage abgewiesen. Die Voraussetzungen für die Ausstellung eines Reiseausweises seien nicht erfüllt. Anders als Flüchtlingen sei es subsidiär Schutzberechtigten grundsätzlich zumutbar, sich bei der Auslandsvertretung ihres Herkunftsstaates um die Ausstellung eines Nationalpasses zu bemühen. Eine Unzumutbarkeit im Sinne des § 5 Abs. 1 der Aufenthaltsverordnung bestehe daher auch dann, wenn dem Betroffenen ernsthafter Schaden durch staatliche Behörden drohe, nur bei Hinzutreten weiterer, hier nicht vorliegender Umstände, wie etwa der begründeten Furcht vor einer Gefährdung der im Heimatland lebenden Verwandten. Bemühungen um die Ausstellung eines eritreischen Nationalpasses seien dem Kläger nicht deshalb unzumutbar, weil in diesem Zusammenhang eine "Aufbau-" oder "Diasporasteuer" von 2% seines Einkommens zu entrichten sei. Zumutbar sei auch die vom eritreischen Konsulat verlangte Abgabe einer "Reueerklärung", in der der Erklärende bedauere, seiner "nationalen Pflicht" nicht nachgekommen zu sein, und erkläre, auch eine eventuell dafür verhängte Strafe zu akzeptieren.


Der 1. Senat des Bundesverwaltungsgerichts hat die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts geändert und das erstinstanzliche Urteil wiederhergestellt. Der Kläger kann die Ausstellung eines Reiseausweises beanspruchen, weil er einen eritreischen Pass nicht zumutbar erlangen kann und auch die sonstigen Voraussetzungen vorliegen. Zwar ist es einem subsidiär Schutzberechtigten anders als einem Flüchtling grundsätzlich zumutbar, einen Passantrag bei den Behörden des Herkunftsstaates zu stellen. Ob etwas Anderes schon dann gilt, wenn der subsidiäre Schutz dem Ausländer wegen eines von staatlichen Stellen gezielt drohenden ernsthaften Schadens zuerkannt worden ist, bedurfte keiner Entscheidung. Denn jedenfalls ist dem Kläger nicht zuzumuten, die beschriebene Reueerklärung abzugeben. Die insoweit vorzunehmende Abwägung zwischen seinen Grundrechten und den staatlichen Interessen, die auf die Personalhoheit des Herkunftsstaates Rücksicht zu nehmen haben, geht hier zu seinen Gunsten aus. Die in der Reueerklärung enthaltene Selbstbezichtigung einer Straftat darf ihm gegen seinen plausibel bekundeten Willen auch dann nicht abverlangt werden, wenn sich – wie vom Berufungsgericht festgestellt – die Wahrscheinlichkeit einer Bestrafung dadurch nicht erhöht und das Strafmaß gegebenenfalls sogar verringert.


BVerwG 1 C 9.21 - Urteil vom 11. Oktober 2022

Vorinstanzen:

OVG Lüneburg, OVG 8 LB 97/20 - Urteil vom 18. März 2021 -

VG Hannover, VG 12 A 2452/19 - Urteil vom 20. Mai 2020 -