Verfahrensinformation

Die Kläger wenden sich gegen den Planfeststellungsbeschluss des Beklagten für den Neubau der Bundesautobahn A 20 in Schleswig-Holstein im Abschnitt westlich Wittenborn bis zur Kreuzung mit der A 7. Im Jahre 2013 war der östlich anschließende Abschnitt Weede bis Wittenborn (Ortsumfahrung Bad Segeberg) bereits Gegenstand einer Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts. Mit ihr ist der Planfeststellungsbeschluss u.a. wegen Rechtsfehlern bei der Behandlung des Schutzgebiets für eines der größten Fledermauskolonien Deutschlands in den Segeberger Kalkberghöhlen für rechtswidrig und nicht vollziehbar erklärt worden. Daraufhin hat der Beklagte ein Planergänzungsverfahren eingeleitet, das noch nicht abgeschlossen ist.


Die Kläger im Verfahren BVerwG 9 A 8.17 sind Umweltverbände, die die damalige Entscheidung erstritten haben. Sie machen nunmehr geltend, im jetzt streitigen Abschnitt dürfe nicht gebaut werden, bevor das eingeleitete Planergänzungsverfahren abgeschlossen ist. Es stehe noch nicht sicher fest, wie die Trassenführung bei Bad Segeberg verlaufen werde. Außerdem fehlten für die Abwägung in dem jetzt streitigen Abschnitt noch ausstehende Erkenntnisse aus dem noch nicht beendeten Planergänzungsverfahren. Die Umweltverbände beanstanden ferner Verstöße im jetzigen Abschnitt gegen europäisches Naturschutzrecht und artenschutzrechtliche Bestimmungen sowie gegen wasserrechtliche Vorschriften.


Die Kläger im Verfahren BVerwG 9 A 10.17 wohnen in einem Hofanwesen in der Nähe des geplanten Autobahnkreuzes. Für die Planung wird ein Grundstück der Klägerin außerhalb des Wohnbereichs direkt am geplanten Autobahnkreuz beansprucht. Die Kläger machen ebenfalls Verstöße gegen zwingende Rechtsvorschriften des Wasserrechts, des Natur- und Artenschutzrechts sowie eine fehlerhafte Abwägung ihrer Belange, auch zum Lärmschutz und zur Luftreinhaltung, geltend.


Pressemitteilung Nr. 82/2018 vom 27.11.2018

Autobahn A 20 darf zunächst nicht weitergebaut werden - Bundesverwaltungsgericht stellt Fehler fest

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hat heute den Planfeststellungsbeschluss des Verkehrsministeriums Schleswig-Holstein für den Neubau der Bundesautobahn A 20 im Abschnitt 4 (Autobahnkreuz A 7/A 20 bis B 206 westlich Wittenborn) vom 27. April 2017 für rechtswidrig und nicht vollziehbar erklärt.


Der planfestgestellte Abschnitt gehört zur „Nord-West-Umfahrung Hamburg", die bei Lübeck an die von Stettin kommende Ostseeautobahn anknüpft und in ihrem Endausbau unter der Elbe hindurch bis nach Niedersachsen verlängert werden soll. Das Bundesverwaltungsgericht hatte über die Klagen zweier Umweltverbände (BUND und NABU) und zweier privater Kläger zu entscheiden. Es hat auf die Klagen der Naturschutzverbände einzelne Fehler festgestellt, zahlreiche weitere Rügen jedoch zurückgewiesen. Das Verfahren der beiden privaten Kläger wurde ausgesetzt.


Einer der festgestellten Fehler betrifft das Verbot, den Zustand der von einem Vorhaben betroffenen Oberflächen- und Grundwasserkörper zu verschlechtern. Der Beklagte hat hierzu zwar schon in den Jahren 2015/16 einen wasserrechtlichen Fachbeitrag erstellen lassen, der auch öffentlich ausgelegt worden war. Dieser Fachbeitrag blieb aber in Systematik und Prüfungstiefe erheblich hinter den rechtlichen Anforderungen zurück. Wesentliche neue Untersuchungen, insbesondere zur Chlorid-Belastung der Oberflächenwasserkörper durch Tausalzeinträge, wurden erst während des gerichtlichen Verfahrens vorgelegt. Weitere Fragen warf diesbezüglich eine Umplanung der Regenrückhaltebecken und der ihnen vorgeschalteten Absetzbecken auf, die erst in der mündlichen Verhandlung des Gerichts zu Protokoll erklärt worden ist. Die damit zusammenhängenden Ermittlungen und Bewertungen sind nicht Aufgabe des Gerichtsverfahrens, sondern vielmehr eines ergänzenden Verwaltungsverfahrens, das der Beklagte noch durchzuführen haben wird.


Weitere Mängel beziehen sich auf das Naturschutzrecht. Nachteilige Auswirkungen des Vorhabens auf das europaweit bedeutsame Fledermaus-Habitat „Segeberger Kalkberghöhlen" mit rund 30 000 überwinternden Tieren sind nicht von vornherein auszuschließen und hätten deshalb einer FFH-Verträglichkeitsprüfung bedurft, die aber unterblieben ist. Im Hinblick auf den Artenschutz für die durch das europäische Recht besonders geschützten Fledermausarten bestehen entsprechende Defizite. Ferner hätte einem bereits im Verwaltungsverfahren geäußerten Hinweis auf weitere vorhabennahe Brutplätze einer geschützten Eulenart (Schleiereule) näher nachgegangen werden müssen.


Die festgestellten Fehler berühren nicht die Grundlagen der Planfeststellung, die im Übrigen unbeanstandet geblieben ist. Sie rechtfertigen daher nicht die Aufhebung des Planfeststellungsbeschlusses, sondern nur die Feststellung seiner Rechtswidrigkeit und Nichtvollziehbarkeit. Diese gilt bis zum Abschluss eines ergänzenden Verwaltungsverfahrens.


Der Rechtsstreit der beiden privaten Kläger war mit Rücksicht auf eine dem Europäischen Gerichtshof schon in einem anderen Verfahren gestellte, aber noch nicht beantwortete Vorlagefrage auszusetzen (vgl. Beschluss des Senats vom 25. April 2018 - BVerwG 9 A 16.16 - Pressemitteilung 26/2018 ). Bei dieser Vorlage geht es um Klagerechte der von einem Vorhaben betroffenen Öffentlichkeit im Hinblick auf das wasserrechtliche Verschlechterungsverbot.


BVerwG 9 A 8.17 - Urteil vom 27. November 2018

BVerwG 9 A 10.17 - Beschluss vom 27. November 2018